Im Rahmen des schulinternen Gedenkens anlässlich der Reichspogromnacht wurde am 10. November 2025 das Theaterstück „Zwischenfall in Vichy“ von dem Theaterensemble „Rimon-Productions“ für die Oberstufe bei uns an der Schule aufgeführt.
Arthur Millers Theaterstück aus dem Jahr 1964 spielt in Vichy zur Zeit des autoritären und mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regimes. Die Handlung beginnt mit der willkürlichen Festsetzung einer Gruppe vermeintlicher Juden in einer provisorischen Haftanstalt. Ohne Anklage und ohne Erklärung warten sie auf eine Untersuchung, die sich rasch als rassistische Selektion entpuppt. Das Theaterstück konzentriert sich weniger auf eine äußere Handlung als auf psychologische und moralische Prozesse. Die Figuren reagieren unterschiedlich auf die Bedrohung – mit Angst, Verdrängung, Opportunismus, Mut oder Verzweiflung. Gerade diese innere Spannung bildet den Kern des Stücks und verdeutlicht, wie Menschen unter einem totalitären System handeln, wenn ihre moralischen Überzeugungen an Grenzen stoßen.
Ein zentrales Motiv des Stücks ist die Frage nach Verantwortung. Einige Figuren klammern sich an die Hoffnung, es werde „schon nicht so schlimm werden”, andere versuchen, die Realität zu benennen, während wieder andere sich auf ihre Privilegien verlassen. Das Stück zeigt, wie gefährlich menschliche Passivität und Selbsttäuschung sein können. Der Offizier versucht, die anderen zu warnen und Verantwortung einzufordern, während der Schauspieler beispielsweise erst spät erkennt, dass gesellschaftliche Neutralität keine Sicherheit bietet. Die Handlungen der Figuren sind nicht heroisch im klassischen Sinne, vielmehr offenbaren sie Ambivalenz. Genau das macht die Darstellung so eindringlich. Das Stück zeigt, wie dünn die Grenze zwischen Mitläufertum und Widerstand sein kann.
Obwohl „Zwischenfall in Vichy” im historischen Kontext des Zweiten Weltkriegs angesiedelt ist, ist der Film von bemerkenswerter Aktualität. Themen wie Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Religion oder Aussehen, die Vertreibung von Minderheiten, das Erstarken autoritärer Ideologien und die Verbreitung von Verschwörungsdenken prägen auch heute noch unsere Gesellschaften.
Millers Werk warnt nicht nur vor den Folgen staatlicher Gewalt, sondern auch vor den Mechanismen, die ihr den Weg bereiten. Dazu gehören Gleichgültigkeit, Angst vor sozialer Ausgrenzung und der Wunsch, persönliche Sicherheit über moralische Haltung zu stellen. Das Stück erinnert daran, dass Unrecht selten plötzlich beginnt, sondern dass es dort wächst, wo Menschen wegsehen.
Gerade deshalb hat eine solche Aufführung in einer Schule eine besondere Relevanz. Die Jugendlichen erleben hier nicht nur historische Fakten, sondern setzen sich emotional und kritisch mit Fragen auseinander, die ihre eigene Lebenswelt betreffen. Wie erkenne ich Diskriminierung im Alltag? Was bedeutet Zivilcourage? Welche Verantwortung trage ich als Einzelperson in einer Gemeinschaft? Durch die dialogische Struktur des Stücks eröffnen sich wertvolle Gesprächsanlässe, beispielsweise zur Analyse von Rollenbildern, Gruppendynamiken und moralischen Dilemmata. Eine Aufführung des Stücks in der Schule kann die historische Sensibilität der Jugendlichen stärken und ihr Bewusstsein dafür schärfen, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist.
Linus Jüngst & Gustav Gerhardt, Q1