Zwischen Köln und Saporischja:  Austausch über Grenzen hinweg

Wie fühlt sich der Schulalltag in einer angegriffenen Stadt an? Und was können wir in Deutschland dagegen tun? Diese Fragen begleiteten uns sowohl bei unserem Besuch eines Lagers des Blau-Gelben Kreuzes als auch bei der Videokonferenz mit SchülerInnen aus dem Lyceum 71 in Saporischja.

Mit großer Neugier und offenen Erwartungen nahmen wir an der Videokonferenz mit dem Lyceum 71 aus Saporischja teil, wissend, dass uns die SchülerInnen sowie LehrerInnen erwarten würden. Schon in den ersten Minuten wurde deutlich, wie sorgfältig sich die Englischlehrerin Helena Timoshenko und ihre Klasse vorbereitet hatten: Trotz ständiger Luftangriffe – seit Neustem auch bei Tag – wurde dafür gesorgt, dass die Technik lief. Allein dieses Vorbereiten in der Kriegssituation zeigte, wie wichtig es den ukrainischen Lehrern und Schülern war, Kontakt zu einer deutschen Schule zu halten. Hinzu kam, dass sich die Schüler des Lyceums 71 gleich zu Beginn auf deutsch für unsere Weihnachtspaketaktion im vergangenen Winter bedankten. Diese direkte, ehrliche Geste des Dankes für hierzulande selbstverständliche Güter wirkte tief. Sie spiegelte die Dankbarkeit, die Verbundenheit und die Wertschätzung für die Unterstützung wider und machte deutlich, wie sehr solche Aktionen des Zusammenhalts ihren Alltag berühren.

Es wurde durch die Erzählungen der ukrainischen SchülerInnen deutlich, dass ihre Schule vor dem russischen Angriffskrieg ein lebendiger Ort voller Möglichkeiten mit einem Fußballclub, einem Schülerradio, oder auch einer Arbeitsgemeinschaft für Puppentheater war. Nun leidet auch die Schule darunter, dass die russische Armee die industriestarke Stadt Saporischja vermehrt mehrmals täglich mit Raketen und Drohnen angreift. Besonders berührend war die Schilderung, dass SchülerInnen ihre Hausaufgaben im Badezimmer ohne Fenster machen müssen, da bei Raketeneinschlägen das Glas von Fenstern aufgrund des Druckes durch den Aufprall splittern und als fliegende Scherben Menschen am Fenster verletzten könnte. Durch diesen Krieg hat sich auch die Sicht der SchülerInnen auf ihr Leben verändert, die SchülerInnen sprechen einerseits von der „value of life“ andererseits aber auch davon, dass sie keine Angst mehr haben zu sterben und sich auch nachmittags beispielsweise im Park treffen, obwohl ein Raketenangriff kommen könnte. Alleine diese Erfahrungen sind für Menschen hier nicht greifbar und bisweilen unvorstellbar, was die Bindung zu Schülern in der Ukraine noch viel wichtiger macht. Am Ende der Videokonferenz waren alle überrascht über die ungewöhnliche Vertrautheit zwischen den SchülerInnen beider Länder. Trotz der Distanz über Bildschirme hinweg, fühlte es sich an, als säße man mit lang bekannten Freunden zusammen, Fragen und Antworten flossen frei und ungezwungen und es wurde klar, wie sehr Vertrauen und Offenheit selbst in fast verzweifelnden Zeiten Bindungen schaffen können. 

Nach diesem intensiven und persönlichen Austausch setzten wir unsere Begegnung mit der Ukraine in Köln fort. Dort besuchten wir die Organisation Das Blau-Gelbe Kreuz, welche 2014 von Detlef Güse und Linde May direkt nach der Annexion der Krim ins Leben gerufen wurde. Die Gespräche mit Saporischja hatten uns bereits tiefe Einblicke in die aktuelle Situation gegeben, nun konnten wir die Strukturen der konkreten Unterstützung erleben. Dem Blau-Gelben Kreuzwurde 2022 mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine eine Lagerhalle gespendet, in der nun medizinische Versorgung, Nahrung und Textilien gesammelt, sortiert und verpackt werden für einen direkten Transport an die Grenze der Ukraine. Pro Woche werden zwischen 15 und 20 Lastwagen mit medizinischen Gütern, Lebensmitteln sowie Utensilien für Grundbedürfnisse beladen und von ehrenamtlichen Fahrern bis an die Grenze Polens zur Ukraine gefahren, wo diese dann von lokalen Hilfsorganisationen entgegen genommen werden. Zudem werden ausrangierte Rettungswagen in die Ukraine geschickt, die aber von Russland bewusst attackiert werden. Im Jahr liegt die Summe von Sach- und Geldspenden, die über Das Blau-Gelbe Kreuz in die Ukraine weitergeleitet werden, zwischen acht und elf Millionen Euro. Besonders beeindruckend ist auch, dass die Organisation keine festen Großsponsoren hat und dadurch keine dauerhaft verlässliche Geldquelle. Gerührt hat uns auch eine Wand, die mit Urkunden und Auszeichnungen bedeckt war. Viele davon stammen von ukrainischen Organisationen, andere von offiziellen Stellen der ukrainischen Regierung. So erzählt jede Urkunde ihre eigene Geschichte: Danksagungen für Hilfen, Anerkennung und Wertschätzung für die unermüdliche Hilfe der Organisation. Diese Sammlung wirkt wie ein stilles Zeugnis des Vertrauens und der Verbundenheit, die durch Hilfe entstanden ist. Das Beethoven-Gymnasium Bonn ist froh, dass seine gespendeten 5.600 Euro in den besten Händen sind und direkt in reale Hilfe umgesetzt werden, und die Schule damit auch Teil einer großen internationalen Familie wird, die sich durch Spenden und Gespräche solidarisch zeigt.

Zum Abschluss unseres Besuches erhielten wir noch ein Geschenk, eine Mutanka. Diese traditionelle, kleine Stoffpuppe aus der Ukraine steht für kulturelle Identität und Heimatverbundenheit. Dieses Geschenk war nicht nur der Ausdruck von Dankbarkeit, sondern auch ein Signal, dass in schwierigen Zeiten Kultur und Tradition nicht verloren gehen dürfen.

Die beiden Erlebnisse, der direkte Austausch mit den SchülerInnen aus Saporischja und der Besuch beim Blau-Gelben Kreuz in Köln haben auf unterschiedliche Weise einen tiefen Eindruck hinterlassen. Beide Begegnungen zusammen führten uns vor Augen, dass Hilfe und Austausch nicht nur materielle Unterstützung bedeuten, sondern vor allem Beziehung, Verständnis und menschliche Nähe schaffen. Sie hinterließen das Gefühl, dass selbst in Zeiten großer Herausforderungen Nähe, Solidarität und kulturelle Identität Bestand haben und dass jede kleine Geste Wirkung entfalten kann, die weit über den Moment hinaus reicht.

Peer Thormeier Q1