Nanu, was ist denn hier los? Zwei Bayern mit Alphörnern auf dem BG-Schulhof? Wie haben die sich denn hierher verirrt?
Die Überraschung war groß, bevor so manchem Schüler und Lehrer klar wurde, dass es sich nicht um eine Halluzination handelt, sondern die beiden wirklich da waren und vielleicht irgendetwas mit dem Jazzkonzert am Abend zu tun haben könnten, von dem seit einiger Zeit die Rede war…
„Jazz, Jam & Beethoven“ – So war´s plakatiert und die zwei, die sich den Spaß machten, den Unterricht, noch dazu in der wichtigen Ergebnissicherungsphase, ein wenig zu stören, waren die professionellen Jazzmusiker Matthias Schriefl aus dem Allgäu und Johannes Bär aus Österreich, die zwar durchaus seit der Coronazeit als Duo gemeinsam z´Fuoß auf Tour gehen, aber auch den Kern eines grandiosen Sextetts bilden, das als „Six, Alps & Jazz“ international für Aufsehen sorgte. Idee der Band: Eine Mixtur aus Allgäuer Musik mit Jazz und jeder der Musiker möge bitte fünf bis sechs Blasinstrumente spielen – dann könne man auf der Bühne alles machen. Ein Musikertraum von Freiheit.
Freiheit – mit diesem Stichwort sind wir schon bei Beethoven, der wahrscheinlich als kreativer Kopf nicht besonders glücklich in der Schule war, so vermutete Matthias Schriefl und sprach möglicherweise auch aus eigener Erfahrung. Sehr jung war er als Musiker sehr erfolgreich, etwa bei „Jugend musiziert“ und „Jugend jazzt“, aber immer suchte er nach neuen Herausforderungen und Möglichkeiten, nicht fremde Erwartungen zu erfüllen, sondern sich selbst auszudrücken. Oftmals sagte er am Abend das exakte Gegenteil vom eigentlich Gemeinten und erzielte damit komische Effekte: „Am besten ist Musik, wenn eine
jahrhundertealte Staubschicht darauf liegt“, dozierte der Stuttgarter Professor für Jazztrompete etwa oder „Wir spielen den Beethoven jetzt genau so, wie er die Musik eigentlich gedacht hat“, auf Alphörnern nämlich, die Beethoven bekanntlich als Ruder genutzt habe, um auf dem Rhein, der damals noch richtig herum von Nord nach Süd geflossen sei und mit der Donau einen Fluss gebildet habe, Wien zu erreichen. Nicht die einzige Ansage, die Direktor Bramstedt am Ende des Konzerts zu der augenzwinkernden Antwort veranlasste, er habe einige sehr gute Fachleute am BG, bei dem Schriefl noch einmal Nachhilfe in Mathe, Bio oder Erdkunde nehmen könne.
„Wir von ,Six, Alps & Jazz’ sind dafür bekannt, dass wir schwach anfangen und dann immer mehr nachlassen.“ Auch hier stimmte natürlich das genaue Gegenteil. Die sechs haben von Anfang an ihr Publikum mit ihrer Kunst eingenommen. Nach einer standesgemäßen alpinen Gesangsdarbietung stellten sie den Humor Beethovens in den Vordergrund, den dieser beispielsweise mit seinem frühen Klavierstück „Die Wut über den verlorenen Groschen“ gezeigt habe. Die Band spielte das Stück in rasend schnellem Tempo und improvisierte im Wechsel über das bekannte Thema auf einer Vielzahl von Blasinstrumenten. Die Lust an der Improvisation ist ein verbindendes Element der Jazzmusiker mit Beethoven, das zweite die Suche nach immer neuen Klangmöglichkeiten. Da man nie so genau wusste, was Schriefl und seine Band mit dem zugrundeliegenden Beethoven-Stück anfangen werden, konnte man sich etwas besser zurückversetzen in die ersten Hörer der Musik des Meisters, die ja auch erst einmal völlig überwältigt waren und nicht genau wussten, was sie von der Musik halten sollten. Bekam man so dieses „revolutionäre Hörerlebnis“ zurück, wie Schriefl als erklärtes Ziel in der Programmankündigung formuliert hatte?
Nicht ganz, denn für grundlegende Zweifel sind die Beethoven-Vorlagen selbstverständlich immer noch viel zu populär und von zeitlos erscheinender Qualität, die instrumentalen Fähigkeiten der Musiker zu mitreißend, die Arrangements zu herausragend. Man wusste bei diesem Konzert einfach immer, dass das einfach gut ist, was hier geboten wurde. Das Schriefl-Beethoven-Programm bot fantastische Jazzmusik fernab des Mainstream, auch fernab der Crossover-Routinen, die selbst der große Jacques Loussier nicht immer ganz vermeiden konnte. Ob der erste Satz der Mondscheinsonate in einer wunderschön entrückenden Version mit Gesang und Trompetenimprovisation über dem bekannten a-moll-Motiv, eine mitreißend verswingte Version von „Für Elise“, eine Mixtur aus Beethovens „Musik für eine Flötenuhr“ mit Charlie Parkers „My blue suede shoes“ („um Zeit zu sparen“) oder als Höhepunkt der zweite und dritte Satz der Pathétique mit herausragenden Saxophon- und Trompetenleistungen – die Darbietungen waren stets überraschend, aber in ihrem Respekt vor dem Komponisten auch überzeugend. Hier ging es natürlich nicht um Originalklang, wie ironisch behauptet, aber auch nicht um Dekonstruktion oder Zertrümmerung, sondern um Dialog – ein Grundprinzip des Musikverständnisses Schriefls, der musikalische Freundschaften unter anderem mit brasilianischen, indischen und ukrainischen Künster*innen pflegt und Weltmusik als Geben und Nehmen, als Zuhören und Sprechen, Lehren und - „am wichtigsten“ - Lernen versteht.
„Jazz, Jam & Beethoven“ - Viel zu selten wird dieses Programm aufgeführt; schön, dass wir im Rahmen unseres Schuljubiläums 400 Jahre Beethoven-Gymnasium diese besondere Musik hören und ihre sechs grundsympathischen Interpreten erleben durften! Die Förderung, die Matthias Schriefl im Rahmen des Projekts BTHVN2020, erhalten hat, waren sehr gut angelegt, auch wenn die Coronapandemie damals eine breitere Rezeption der Musik, u.a. die geplante Tour, leider verhindert hat. Jetzt ist diese Musik nach Bonn zurückgekehrt und es spräche nichts dagegen, die Auseinandersetzung mit der Musik Beethovens durch diese Band fortzusetzen – außer vielleicht die Auslastung durch die vielfältigen anderen Projekte, denen die Musiker verpflichtet sind.
Herzlichen Dank also für euren Besuch im Namen der Schulgemeinschaft des BG, Matthias Schriefl, Johannes Bär, Oliver Leicht, Alexander Morsey, Martin Gasser und Florian Trübsbach! Kommt gerne mal wieder!
Und denkt dran, auch mal ins Studio zu gehen. Eure erste gemeinsame CD ist nun schon ein paar Jährchen alt – und „Jazz, Jam & Beethoven“ hätte definitiv eine Einspielung verdient...
Herzlichen Dank der Technik-AG für die Verkabelung der vielen Instrumente und die perfekteKlangmischung und der Q1 für das herausragende Catering! Auch der Alex Morsey hat lieber noch eine Ludwig´s Limo weggezischt als das Bonner Bier zu probieren… Ihr wisst ja, das gibt „Schädelweh“ – und als Musiker muss man fit sein!