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Die Auschwitz- und Bergen-Belsen-Überlebende Renate Lasker-Harpprecht berichtete...


Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10a und einige Oberstufenschüler zeigten sich besonderer Weise beeindruckt von der (Über-)Lebensgeschichte von Frau Lasker-Harpprecht, die am 28. Januar in unserer Schule zu Gast war und von Herrn Prof. Friedhelm Boll (Friedrich-Ebert-Stiftung) begleitet wurde.

Jan Hendrik Winter

Felix Bockemühl schildert seine Eindrücke:

Am 28.01.2009 trafen sich 35 Schülerinnen und Schüler des Beethoven-Gymnasiums in der Schule zu einem Zeitzeugengespräch mit der Autorin Frau Renate Lasker-Harpprecht. Sie wurde 1924 als zweite von drei Töchtern des jüdischen Rechtsanwalts Alfons Lasker und dessen Ehefrau Edith, einer Geigerin, in Breslau geboren. Ihre Eltern starben 1942 im Konzentrationslager. Renate Lasker-Harpprecht war gekommen, um uns als Zeitzeugin über ihr Leben vor, während und nach dem Aufenthalt im Konzentrationslager zu berichten.
Frau Lasker-Harpprecht und Herr Prof. Boll
Frau Lasker-Harpprecht und Herr Prof. Boll

Das Treffen wurde durch die Mithilfe der Friedrich-Ebert-Stiftung, des Geschichtsprofessors Herrn Friedhelm Boll (unter anderem Verfasser des Buches "Sprechen als Last und Befreiung") und des Geschichts- und Politiklehrers am Beethovengymnasium Jan Hendrik Winter, ermöglicht.
Nach einer kurzen Einführung von Herrn Professor Boll, der auch die Moderation des Gespräches übernahm, begann Frau Lasker-Harpprecht zu erzählen.
Am Anfang des Gespräches erklärte sie uns, dass sie eigentlich nie über ihre Auschwitz-Vergangenheit hatte reden wollen, doch dass sie sich nach mehreren Anfragen gesagt hat: „Yes, I can“. So begann die mittlerweile 85-jährige von ihrem Leben zu berichten. Die Familie Laskar war eine bekannte Familie, aus der auch der US-amerikanischen Schach-Meister Edward Lasker, der Bruder des Vaters von Frau Lasker-Harpprecht, stammt. Sie selber gehörte zu dem Breslauer Zweig und wohnte in einem gut-bürgerlichen Zuhause mit zwei Schwestern, die durch die Mutter alle musikalisch geprägt waren. Der Vater war ein angesehener Anwalt und hatte im ersten Weltkrieg erfolgreich für Deutschland gekämpft. Trotzdem wollte die Familie sich nicht mit Hakenkreuzen aus dem Fenster als Verfechter der Nationalsozialisten darstellen. Sie hatten jedoch genauso wenig den Verdacht, dass die Nazis für sie eine ernstzunehmende Gefahr darstellten. Deshalb gab es für sie zunächst noch keine bedeutenden Gründe zur Emigration. Doch nachdem die Abneigung gegen Juden in Deutschland  stetig wuchs, wurde es für die Familie zunehmend schwer.

1938 versuchte die Familie dann doch auszuwandern, was jedoch mit dem Zuhause Breslau nicht möglich war. Am 9. November 1938, der Reichskristallnacht, floh der Vater und fuhr den gesamten Tag in einem Auto durch Ost-Deutschland, um nicht von der Gestapo gefasst zu werden. Während Renate Lasker zunächst noch auf eine Schule, sowohl mit als auch ohne Semiten, ging, besuchte sie später ein Internat, welches ausschließlich für Juden bestimmt war, bevor sie überhaupt nicht mehr zur Schule ging, sondern als Müllsammlerin bzw. in einer Toilettenpapierfabrik arbeitete. Bei der Arbeit kamen sie und ihre Kolleginnen mit französischen Kriegsgefangenen in Kontakt, die für sie Lebensmittelmarken besorgen konnten und von denen sie später einen Ausweis erhielten, damit sie nach Frankreich fliehen konnten. Ihre Eltern waren zum derzeitigen Zeitpunkt schon in ein Konzentrationslager verbracht worden. Die Kinder machten sich wenig Hoffnung ihre Eltern überhaupt noch einmal lebend zu sehen und kamen zu ihrer Großmutter, die allerdings auch wenig später zum Abtransport in ein KZ abgeholt wurde. Hierbei erinnert sich Frau Lasker-Harpprecht an eine Szene, bei der ihre Großmutter lediglich mit dem Familiennamen, ohne weitere Anrede als „Lasker“ von der SS aufgerufen wurde. Die Großmutter trat mit Würde, Stolz und keinerlei Angst vor den Mann, der ihren Namen aufrief und ermahnt ihn „Frau Lasker“ zu sagen. Nachdem die beiden Mädchen, Renate und Anita, ihre gefälschten Ausweise besaßen, versuchten sie am Breslauer Bahnhof einen Zug nach Westen zu nehmen, doch auf dem Bahnsteig wurde die Schwester von einem Mitglied der Gestapo angehalten und festgenommen. Um sie nicht zu verlieren stellte sie, Renate, sich auch und beide kamen ins Gefängnis. Dort wurden sie wegen Volksverrat, Urkundenfälschung und Widerstand gegen den Staat angeklagt.

Die Schwestern wurden gemeinsam in eine Zelle gesperrt, sodass sie sich untereinander absprechen konnten. Durch die Güte des Richters wurden die Schwester zu einer Gefängnisstrafe, Anita, von 18 Monaten und Renate zu einem dreieinhalbjährigen Zuchthaus-Aufenthalt verurteilt. Ihr Glück bei dem Prozess war, dass sie nicht wegen ihrer jüdischen Herkunft, sondern wegen des Widerstandes gegen die Staatsgewalt angeklagt wurden. Allein deswegen entgingen sie einem Konzentrationslageraufenthalt. Die Trennung voneinander war für beide Schwestern sehr schwer, da sie nicht wussten, ob sie sich jemals wieder sehen würden. Im Zuchthaus war sie, Renate, die einzige Jüdin, da das Haus hauptsächlich für zum Tode verurteilte arische Frauen geführt wurde. Renate Laskar-Harpprecht blieb einige Monate im Zuchthaus von Jauer, bevor sich die SS über das geltende Recht in Deutschland erhob und beschloss, dass sie in das Konzentrationslager nach Auschwitz verlegt werden sollte. Nach Außen stellten es die Nazis so dar, als ob die junge Jüdin die Verlegung selber gewollt hätte.

Das KZ Auschwitz bestand aus mehreren, von Flutlicht hell erleuchteten Gebäuden. Direkt zu Beginn fand eine Musterung statt, in der festgestellt wurde, ob man zum Arbeitseinsatz taugte, oder ob man dem Bereich für Arbeitsuntaugliche zugeordnet wurde.  Frau Laskar-Harpprecht wusste jedoch schon aus dem Zuchthaus, dass die Juden im KZ vergast wurden und konnte so die eigentliche Bedeutung der Arbeitsunfähigen leicht erschließen. Nachdem sie selbst für arbeitstauglich eingestuft wurde, gelangte sie mit ihrer Gruppe in eine Art Sauna. Nachts betraten noch weitere Menschen den Raum, die jedoch sehr viel verwahrloster waren, als sie und die bereits Anwesenden. Die Aufnahmeprozedur war sehr hart und strikt. Zuerst wurde bei allen Juden die komplette Körperbehaarung entfernt und jeder wurde mit einer Nummer und einem Dreieck tätowiert, das als Zeichen der Juden im Lager galt. Die komplette Hierarchie im Konzentrationslager, einschließlich der Abfertigung der Neuankömmlinge wurde von Lagerinsassen besetzt bzw. durchgeführt. Frau Lasker-Harpprecht sah bei der Rasur neben sich ein paar Schuhe stehen, die ihr merkwürdig bekannt vorkamen. Es waren dieselben Schuhe, die sie vor einigen Jahren selbt getragen hatte. Nachdem sie die Frau, die sie behandelte, fragte, wem die Schuhe seien und diese ihr anschließend antwortete, dass sie der Cellistin des Lagerorchesters gehörten, war ihr klar, dass es sich nur um ihre Schwester handeln konnte. Trotz der Freude über das Wiederfinden der Schwester war die Hoffnung nicht groß, Auschwitz jemals wieder lebend zu verlassen. Die schlechten hygienischen Verhältnisse im Lager, sowie die ständige Gefahr sich mit Typhus anzustecken, machten die Hoffnung, dieses Elend zu überleben, noch geringer. Des Weiteren herrschte ein unheimlicher Gestank in den Gängen, da in den Kellern die Leichen verwesten. Damit die Häftlinge nicht zu viel Freizeit hatten, mussten sie tagsüber ohne jeglichen Sinn Steine von A nach B und zurück transportieren. Aufgrund der physisch anstrengenden Arbeit, sowie des psychischen Drucks wurden viele Menschen arbeitsunfähig und in den „anderen“ Teil des Lagers verbracht.

Auch Renate Lasker-Harpprecht erkrankte an Typhus und kam auf eine Krankenstation. Jeden Abend wurden die kranken Lagerinsassen in einen Raum gebracht, um zu entscheiden in welchem Teil des Lagers sie künftig verbleiben mussten. Als auch bei ihr, Renate, eines Tages die Entscheidung getroffen werden sollte, ob sie in der Gruppe der Arbeiter bleiben, oder zu den Kranken, also den zum Tode geweihten, aussortiert werden sollte, musste sie auch in diesem „Vorraum“ antreten. Nachdem sie bereits für die Seite derjenigen eingeteilt worden war, die in den anderen Teil des Lagers verlegt werden sollten, flüsterte sie einem Wärter zu, dass sie die Schwester der Cellistin aus dem Lagerorchester war. Daraufhin schubste dieser sie zu denen, die für arbeitsfähig gehalten wurden, sodass sie wieder ins Arbeitslager zurückkehren konnte.  Durch die Position der Schwester als Teil des Orchesters wurde Renate als Näherin eingestellt. Das galt als gute Arbeit, da man hier, wie nicht überall, ein Dach über dem Kopf hatte und durch die Arbeit nicht ganz so herabfällig betrachtet wurde. Später erhielt sie sogar, durch den Einfluss ihrer Schwester, eine Stelle als Läuferin. Die Aufgabe dieser war möglichst schnell Nachrichten zu überbringen.
Frau Laskar-Harpprecht arbeitete nicht nur als „Läuferin“, sondern auch als Dolmetscherin da viele Ausländer nach Auschwitz kamen. Wenige Nazis verfügten über ausreichende Fremdsprachenkenntnisse und bedienten sich der Juden als Dolmetscher. Solche Fähigkeiten halfen einem sich schwer entbehrlich zu machen und erhöhten somit unweigerlich die Lebenserwartung im Lager. Nachdem das KZ Auschwitz jedoch nach dem russischen Vormarsch evakuiert werden musste, wurden die Schwestern mittels eines Viehzuges in das Konzentrationslager nach Bergen-Belsen gebracht, wo Renate selbst schnell wieder die Arbeit als Dolmetscherin bei der Polizei aufnahm. Ihre Schwester hingegen erkrankte schwer.

Doch da sich zwischen der SS und der Polizei einige Vorurteile gebildet hatten, half ein Polizist Renate, indem er ihr Brot und andere Nahrungsmittel vor der Arbeit in ihre Schubladen steckte. Renate gab dieses  jedoch zum Großteil an ihre Schwester weiter, die es im Lager sehr schwer hatte und so konnte sie sich bei ihr für die Hilfe in Auschwitz revanchieren. Die Zustände in Bergen-Belsen waren sehr viel schlechter als die in Auschwitz, da die SS über die vielen Inhaftierten die Übersicht verlor und somit ein ungeordnetes Leben herrschte. Der Typhus schien der Gewinner zu bleiben, denn dieser hatte viele Menschenleben als Opfer gefordert. Die Leichen befanden sich im Lager und verwesten dort nach und nach. Nachdem das Lager im April 1945 von den Engländern befreit wurde, arbeitete Renate Lasker-Harpprecht als Dolmetscherin für die britische Armee, ehe sie im März 1946 über einen englischen Major nach Belgien und später nach England ging, wo sie im deutschen Dienst der BBC arbeitete. Seit 1983 lebt Renate Lasakar-Harpprecht in Südfrankreich. Ihr Ehemann ist Klaus Harpprecht, ein bekannter deutscher Journalist und Autor, vormals Redenschreiber Willy Brandts. Ihre Schwester, Anita Lasker-Wallfisch, lebt in London. Deren Sohn, Raphael Wallfisch, ist ein bekannter britischer Cellist.

Als Frau Lasker-Harpprecht mit ihrem Vortrag endete, wurde dieser mit großem Applaus bedacht. Anschließend eröffnet Herr Professor Boll die allgemeine Fragerunde für eröffnet. Die nächsten 45 Minuten stellten die Schüler und Schülerinnen der 85-jährigen Dame, Fragen über ihr Leben und die Zeit in Auschwitz, die sie kurz und gezielt beantwortete. Obwohl die Stunde eigentlich um viertel nach eins ihr Ende gefunden hätte, blieben die Schüler noch eine weitere halbe Stunde, um noch mehr über die Geschichte der beiden Schwestern Renate und Anita Lasker zu erfahren. Zum Abschied überreichten zwei Schüler je eine Flasche Beethoven-Wein vom schuleigenen Weinberg, eine Karte, auf welcher alle Schüler unterschrieben hatten und eine Packung Merci-Schokolade an Frau Lasker-Harpprecht und Herrn Professor Friedhelm Boll. Die Schüler und Schülerinnen bedankten sich für das außergewöhnliche Gespräch sowie der einmaligen Gelegenheit einen Menschen  zu treffen, der das Grauen und dieses Schreckensregime selbst erlebt hat. Frau Lasker-Harpprecht lud uns ein, sie in Südfrankreich zu besuchen, sofern sich für uns die Gelegenheit ergeben würde. Wir danken dafür und auch für die entgegengebrachte Wertschätzung und das Vertrauen in uns, uns Ihre Geschichte zu erzählen.
Wir hoffen, dass Sie vielen Menschen Ihre Lebensgeschichte erzählt, denn nur Wissen führt zu einer Gewissensbildung. Wir möchten uns auch bei allen anderen bedanken, die diesen Termin ermöglicht haben. Dieser Vormittag veranschaulichte, dass Zeitzeugengespräche eine sehr nachhaltige Lehrmethode sind, die nicht nur den Schülern und Schülerinnen, sondern allen Beteiligten ein bleibendes Ereignis sind. Am Ende gingen alle mit einem überaus positiven Eindruck auseinander.

Felix Bockemühl (Klasse 10a, Beethoven-Gymnasium Bonn)

(31.01.2009)


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