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Lions-Quest-Programm "Erwachsen-Werden" Soziales Lernen

Dienstags in der 4. Stunde sind die Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse immer besonders interessiert und engagiert. Es geht um Themen, die ihre Lebenswelt betreffen, um ihre ganz persönlichen Einstellungen und Wertvorstellungen. Die Arbeitsatmosphäre ist locker, trotzdem arbeiten alle angestrengt mit. Wer am Anfang der Stunde den Raum betritt, findet Kinder, die sich irgendwo im Raum einen Platz gesucht haben, auf einem Bein stehend vor. Sie sollen ausprobieren und genau nachfühlen, wie es ist, auf nur einem Bein zu stehen.

Dann wird die Übung wiederholt. Nun sollen sich Paare finden, die sich jeweils auf einem Bein stehend gegenseitig stützen. Die Konzentration lässt ein bisschen nach. Man hört fröhliches Lachen, aber schon nach kurzer Zeit sind alle wieder engagiert dabei. Nicht alle Paare schaffen es, die Übung erfolgreich durchzuführen. Während der Übung, welche die Schülerinnen und Schüler mit geschlossenen Augen absolvieren, gibt die Lehrerin/ der Lehrer einzelnen Paaren wie auch schon in der Einzelübung einen sanften Stoß. Dabei geraten die Teilnehmer schnell ins Schwanken. Die Übung wird schließlich zu dritt wiederholt. In dieser Konstellation bleiben die Gruppen trotz Anstoßens viel stabiler stehen. Die Konzentration ist deutlich besser als bei der Übung zu zweit. Die Antwort auf die Frage an die Schülerinnen und Schüler, welche Erfahrungen sie bei diesem Experiment gemacht haben, wird am Ende der Stunde noch einmal aufgegriffen werden. Sie lautet: „Wenn man auf drei Beinen steht, ist man irgendwie stabiler als auf einem oder zwei Beinen.“ Felix fügt hinzu: „In den Ferien waren wir auf einer Alm im Allgäu. Da hat der Bauer sich auch auf so einen kleinen Stuhl mit drei Beinen gesetzt, als er die Kuh gemolken hat. Er hat gesagt, dass man beim Kühe Melken schnell umkippen kann, weil sie manchmal sehr unruhig sind. Aber der kleine Stuhl mit den drei Beinen kippt nie um.“  Auch auf diese Aussage werden wir noch zurückkommen.

Es folgt ein Arbeitsblatt. Darüber finden schnell erste Gespräche statt. Drei Fragen sollen beantwortet werden. Was sind Deine Fähigkeiten? Wann, durch wen und in welcher Form erfährst du Anerkennung? Wann und in welchem Bereich übernimmst du Verantwortung?

Zu der letzten Frage fällt sofort vielen etwas ein: „Verantwortung übernehme ich, wenn ich alleine mit meinem Hund spazieren gehe oder wenn ich auf meine kleine Schwester aufpasse.“ Ein anderer fragt, ob man nicht auch Verantwortung übernehme, wenn man einem kranken Freund die Hausaufgaben erkläre. Dann stellt jemand die Frage, ob man eigentlich nur für etwas oder jemand anderes Verantwortung übernehmen könne oder ob man diese nicht auch für sich selber übernehmen müsse. So entwickelt sich sehr schnell ein nahezu philosophisches Gespräch zu diesem Thema, bei dem jeder in sehr kurzer Zeit die Facetten des Begriffes Verantwortung begreift und für sich überprüfen kann, ob und inwieweit diese auf ihn zutreffen. Zum Begriff Anerkennung gibt es auch schnell Erklärungen. Dabei wird in erster Linie an verschiedene Belohnungen für gute Noten oder andere gute Leistungen gedacht. Dann wirft plötzlich einer in die Runde, dass eine Anerkennung nicht immer materiell sein müsse, sondern dass auch ein Augenzwinkern eine große Anerkennung sein könne. Dies sei manchmal, wenn es z.B. von einer Person komme, die man sehr möge, mehr wert als eine Taschengeldaufbesserung. Auch hier freut man sich als Lehrer häufig über die differenzierten und vielseitigen Antworten, welche die Schülerinnen und Schüler dieser Altersklasse anführen. Während dieser Gespräche entwickeln die Kinder ihre individuellen Einstellungen zu zentralen Themen des Umgangs miteinander. Bei der Frage nach den persönlichen Fähigkeiten tun sich die meisten Kinder schwer. Diese Frage zu beantworten sei ja „peinlich“. Da müsse man sich ja selber loben, außerdem wisse man doch gar nicht, ob man Dinge besser könne als andere Mitschüler, und wenn man etwas nicht viel besser könne als die anderen, dann sei das keine Fähigkeit. „Aber hier will doch gar keiner wissen, was Du besser kannst als die anderen. Hier steht doch nur, dass du deine Fähigkeiten aufschreiben sollst.“ sagt Inga ungeduldig. „Ja und was soll dann eine Fähigkeit sein?“, fragt Yussuf, von dem alle wissen, dass er der beste Fußballspieler in der Klasse ist. „Na vielleicht, dass die Paula so laut und ansteckend lachen kann, dass gleich alle mitlachen müssen.“ Yussuf denkt angestrengt nach: „Gilt gut Fußball spielen dann etwa nicht?“ „Doch klar", sagt Martin, "aber ansteckend lachen eben auch.“ „Dann hat also jeder Fähigkeiten?“ fragt Nina. Der Gedanke gefällt ihr offensichtlich richtig gut. Leider schellt es, dabei sollte doch noch jeder sagen, welche Fähigkeiten er an anderen Mitschülerinnen und  Mitschülern entdeckt hat. Das ist allerdings auch ein schönes Pausenthema, welches die Kinder bestimmt unaufgefordert aufgreifen werden.
Außerdem bleibt bis zur nächsten Woche viel Zeit, darüber nachzudenken und auch vielleicht mit den anderen darüber zu diskutieren.
Fähigkeiten haben, Anerkennung bekommen, Verantwortung übernehmen,
das sind die drei Quellen für ein gesundes Selbstbewusstsein. Dieser Zusammenhang wird im Lions-Quest-Programm durch einen dreibeinigen Hocker symbolisiert. Felix hat bereits erklärt, warum der Hocker als Symbol so treffend ist. Was haben wir in dieser Stunde gelernt? Wo ist das Tafelbild, auf dem die Unterrichtsergebnisse gesichert sind? Die Antwort heißt: Jedes Kind hat in dieser Stunde seine eigenen Erfahrungen über sich selbst und die Mitschüler gemacht und damit vieles über sich selbst und die anderen nicht nur gelernt, sondern auch begriffen. Der abstrakte Begriff Selbstbewusstsein ist spürbar geworden. Ein Tafelbild ist daher nicht notwendig. Die Vertiefung in der nächsten Stunde ist gut vorbereitet. Im Laufe der Woche wird das Selbstbewusstsein vieler Kinder bereits durch die immer wieder anzustellende Überlegung, welche Fähigkeiten man im Laufe der Zeit aneinander entdeckt hat, wachsen. In der nächsten Stunde werden Beispiele für alle drei Quellen des Selbstbewusstseins gesammelt werden. Diese werden dann auf einem Plakat mit dem Symbol des dreibeinigen Hockers festgehalten. Das Plakat soll im Laufe des Schuljahres ergänzt werden. Es wird uns in der Orientierungsstufe begleiten und immer wieder für Gesprächsstoff sorgen.

Seit vielen Jahren nehmen immer wieder Kolleginnen und Kollegen unserer Schule an Fortbildungen teil, bei denen es um die Ausbildung der sozialen Kompetenzen unserer Schülerinnen und Schüler geht. Diese Fortbildungen erfolgen auf der Grundlage eines pädagogischen Programms, das von der amerikanischen nonprofit-Organisation Quest International entwickelt wurde und für dessen Organisation und Finanzierung der Lions Club International Mittel zur Verfügung stellt. Dabei handelt es sich um eine Vereinigung, die sich für Humanität und Völkerverständigung engagiert.


Die von Lions-Quest entwickelten Materialien und Übungen sollen, wie es die Unterlagen formulieren, die Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, ihr Selbstvertrauen und ihre kommunikative Kompetenz zu stärken, Kontakte und Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, Konflikt- und Risikosituationen in ihrem Alltag zu begegnen und gerade für Probleme, welche die Pubertät gehäuft mit sich bringt, konstruktive Lösungen zu finden. Gleichzeitig soll Kindern in dieser Entwicklungsphase eine Orientierung zum Aufbau eines eigenen Wertesystems geboten werden. Das sind Bereiche, die vor allem durch die Fokussierung auf intellektuelle Kompetenzen seit G8 im Schulalltag immer mehr ins Abseits zu geraten drohen, die aber angesichts ansteigender Zahlen von Gewalttaten an Schulen, deren Ursache sicherlich auch mangelnde Kenntnis individueller und sozialer Konflikte ist, immer wichtiger werden. Darüber hinaus kann die Lernatmosphäre nur dann fruchtbar sein, wenn die Klassengemeinschaft so strukturiert ist, dass Individualität und Gemeinschaft keinen Gegensatz darstellen und jeder bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Nur wenn die Beziehungsebene stimmt, kann auch auf der Sachebene effektiv gearbeitet werden.

Deswegen ist das Lions-Quest-Programm seit vielen Jahren ein wichtiger Bestandteil unseres Schulprogramms und fest im Stundenplan der fünften Klassen verankert.
In dieser Zeit lernen die Schülerinnen und Schüler mit Hilfe von abwechslungsreichen Arbeitsmaterialien, die ihrer Lebenswelt in hohem Maße entsprechen, und motivierenden, schnell umsetzbaren Übungen, nicht nur Regeln für das Miteinander aufzustellen und einzuhalten und Rücksicht aufeinander zu nehmen, sondern bekommen auch vielfältige Hilfestellungen, Probleme im täglichen Miteinander selbständig zu lösen. Gleichzeitig bietet dieser Unterricht dem Klassenlehrer Einblicke in die individuellen Dispositionen seiner Schülerinnen und Schüler. So kann er bei Problemen viel schneller intervenieren, viel besser individuell fördern und fordern und somit Grundsteine für eine stabile Klassengemeinschaft legen, die für die Überwindung sozialer und kultureller Unterschiede, aber auch ganz besonders im Hinblick auf die neuen Anforderungen der Inklusion unverzichtbar ist.

Daher sind wir sehr dankbar, dass der Lions Club es uns auch weiterhin ermöglicht, Kolleginnen und Kollegen auf diesem Gebiet weiterzubilden.

Frauke Gräf-Fröhlich, betreuende Lehrerin