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Lorenz Beckhardt – Lesung und Gespräch am 09.11.2017

Frau Schaaf, Frau Giesen, Herr Beckhardt, Herr Wolfshohl

Der Journalist und Autor Lorenz Beckhardt, ein ehemaliger Schüler des Beethoven-Gymnasiums, erzählte am Abend des 9. November, 79 Jahre nach der Reichspogromnacht, seine unter dem Titel „Der Jude mit dem Hakenkreuz“ publizierte, beeindruckende Familiengeschichte.   

In unserer Schulaula wurden so akribisch recherchierte Erfahrungen aus drei Generationen seiner deutschen Familie jüdischen Glaubens lebendig. Neben der Lesung von Passagen aus diesem Werk hat er immer wieder in freier Rede Bezüge zur heutigen Zeit hergestellt und eindringlich gemahnt, aus der Geschichte zu lernen und nicht zu schweigen, wenn Diskriminierung und Unrecht gegenüber Minderheiten im Alltag auftauchen.

Nachdem die Geschichtsleistungskurse der Q2 bereits den Morgen auf der Ordensburg Vogelsang verbracht hatten und ihnen die Pseudo-Religiosität der nationalsozialistischen Ideologie vor Augen geführt wurde, trat das Ausmaß der Menschenverachtung dieses Systems noch einmal in einer erschreckenden Deutlichkeit während des Zeitzeugengespräches am Abend hervor.

Am 09. November 1938 wurden in Vogelsang die nationalsozialistischen Opfer des Hitler-Putsches (1923) als Märtyrer verehrt und am selben Tag wurde Lorenz Beckhardts Urgroßvater mütterlicherseits als einer von vielen Juden in seiner Wohnung brutal verprügelt, so dass er wenige Tage später seinen Verletzungen erlag. Der Großvater väterlicherseits, Fritz Beckhardt, ein hoch dekorierter Kriegsheld aus dem Ersten Weltkrieg, blieb in Deutschland trotz der Gefahren. Erst nach seiner Gefangenschaft im Konzentrationslager Buchenwald floh er mit seiner Frau nach England zu seinen Kindern, welche bereits 1939 mit den Kindertransporten nach England geschickt worden waren und dort ein, nach eigenen Angaben, glückliches Leben führten. Trotz aller Erfahrungen wollte Fritz nach Ende des Krieges mit seiner Familie in die Heimat zurückkehren mit dem festen Glauben an die Möglichkeit zur Wiederaufnahme des alten Lebens und eine Wiedergutmachung für die Verluste. Die Familie hatte sich in England ein Leben aufgebaut und war gut integriert und trotzdem kehrten die Ehefrau und der Sohn von Fritz Beckhardt mit ihm nach Deutschland zurück. Seine Tochter allerdings weigerte sich und sein Sohn Kurt bezeichnete die Rückkehr später als „den größten Fehler seines Lebens“, denn zu Hause erwartete sie nichts als Hass und Verachtung. Selbst nach der mühsam erkämpften Rückkehr ins  eigene Haus und der erneuten Eröffnung eines Geschäftes blieb es bei der Ausgrenzung durch die christlichen Mitbürger. Aufgrund dieser Erfahrungen entschieden Kurt Beckhardt und seine Frau ihrem Sohn Lorenz die Zugehörigkeit zum Judentum zu verschweigen. Lorenz Beckhardt wurde nicht nur römisch-katholisch, sondern auch evangelisch getauft, ging auf ein katholisches Internat und erfuhr erst mit 18 Jahren durch einen Zufall von seiner jüdischen Herkunft, die er nun begann, mit einer beeindruckenden Genauigkeit zu erforschen.

Im Namen der ganzen Schulgemeinschaft des Beethoven-Gymnasiums möchten wir Herrn Beckhardt nochmals für diesen sehr bewegenden und beeindruckenden Abend danken.